Aldo Betschart  
 

Reportagen anno dazumal

Als Zeitungs-Korrespondent vom Leben in New York City berichtet.

In erster Linie war die Geldnot dafür verantwortlich.

Im Spätsommer 1999 war ich von Muotathal nach New York gezogen, um zunächst in völliger Sorglosigkeit mein gesamtes Geld auf den Kopf zu hauen. Es war fantastisch. In den ersten beiden Monaten verging kein einziger Abend, keine Nacht, wo ich nicht in irgendeiner Bar mein neues Leben feierte. Was würde ich in New York machen? Musik und meinen ersten Roman schreiben! Wie lange würde ich in New York bleiben? Solange ich gut über die Runden komme! Aber vorerst wollte ich gebührend feiern. Vor meiner Abreise in die USA war ich krank gewesen, sehr krank; ich war am Schädelinneren operiert worden, hatte mir danach 60 Tage Schonfrist gegeben, um dann endlich, endlich! alles hinter mir zu lassen und nach New York zu fliegen. Wo ich, wie gesagt, feierte – verdammt noch mal, und wie ich feierte.

Es war so lange wild zu und her gegangen, bis ich eines Morgens in einem Hostel in Manhattan aufwachte und feststellte, dass ich kein Geld mehr hatte.

Ein gewisses Idiotenglück ist mir in die Wiege gelegt worden.

Denn sowie ich alle Hebel in Bewegung setzte, einen Job und damit eine Verdienstmöglichkeit an Land zu ziehen, bekam ich einen Job, sogar ohne ihn vorher gewollt zu haben. Er war mir buchstäblich von einem Fremden aufgeschwatzt worden, und wie sich zeigte, war es ein lausiger Job: Ausbesserungsarbeiten in einem heruntergekommenen Club an der Walker Street. Der stets schlechtgelaunte Boss verstand mich genau so wenig, wie ich ihn. Es lag nicht nur an der Sprache, wohlgemerkt. Ich blieb eine Woche, dann sagte ich, er könne sich meine letzten paar Tageslöhne sonst wohin stecken. Und da ich also wieder frei war, betrat ich sogleich die nächste Kneipe und haute wieder den letzten Dollar auf den Kopf.

In der Folge liess mich das Glück bei allen widrigen Umständen nicht im Stich. In den ersten beiden Monaten hatte ich Kontakte geknüpft – unter anderem auch gute Kontakte, wie sich bald erwies. Ein solcher Kontakt verhalf mir zu meiner ersten Stelle als Hilfsarbeiter in einem Theater. Es handelte sich um das „La Mama“ Theater in der 4th Street, Second Avenue, in Manhattan. Und dann kamen in der Folge noch weitere Jobs hinzu: in der Bar, als Möbellieferant, Ausbesserungsarbeiten in Privatwohnungen, als Helfer bei privaten Parties, als Techniker in weiteren Theatern, und nicht zuletzt meine Studiozeit als Tätowierer, die mich unter anderen Umständen beinahe glücklich gemacht hätte.

Die ganze Schwarzarbeit war wirklich anstrengend und ungesund für mich. Ungesund, weil ich dem Stress auch immer mit Stress tötenden Massnahmen entgegenwirkte, was an die Substanz ging! Alles in allem war das Leben jedoch auch ganz abenteuerlich, was wiederum erklären dürfte, warum ich diese Unternehmungen heute nie und nimmer missen möchte.

Kein Monat, wo ich nicht mit der Miete im Rückstand war. Weswegen ich im Sommer 2000 mehr und mehr darüber nachzudenken begann, ob ich nicht allenfalls meine Nerven schonen und der Arbeit ‚bequemer nachgehen’ könnte, indem ich etwa versuchte, ein zusätzliches Honorar aus der Schweiz zu beziehen. Ich machte also diesen und jenen Versuch, ging sogar ins Tonstudio, um vielleicht für Radio DRS 3 eine neuartige, witzige Berichterstattung zu bringen – ohne Erfolg. So schrieb ich also wie bisher des Nachts im ‚stillen’ Kämmerlein am Brooklyner Broadway an meinen Geschichten und auch am ersten Roman (es handelte sich dabei um eine erste unbrauchbare Fassung, aus der 15 Jahre später(!) mein dritter Roman EWIG DIE DUMMEN hervorgehen sollte), bis ich wegen den schwieriger werdenden Umständen langsam aber sicher am Überschnappen war.

Aber dann, eines Tages im Herbst 2000, trug eine meiner zahlreichen Anfragen Früchte: Der „Bote der Urschweiz“ erklärte sich interessiert und bereit, mich als freier New York-Korrespondent zu bezahlen.

Und so begann ich mit dem Verfassen zahlreicher „Bote“-Berichte, welche bis auf wenige Ausnahmen das alltägliche Leben – oder auch mein alltägliches Leben – im Big Apple wiedergaben. Wie ich später erfuhr, erfreuten sich meine Geschichten einer gewissen Beliebtheit, dh. sie wurden von der Leserschaft nicht selten mit lebhaftem Interesse gelesen; folglich wurde nach meiner Rückkehr in die Schweiz auch mein Kurzgeschichten-Konzept vom „Tagebuch eines Phantoms“ wohlwollend aufgenommen.

Dafür bin ich dem „Bote der Urschweiz“ bis heute sehr dankbar. A.B.

 

Der Bote der Urschweiz Presseausweis Aldo Betschart