Aldo Betschart  
 

Von Liebe, Natur und Tod – der ewigen Oper

Die Kurzgeschichte erschien 2004 noch unter dem Pseudonym A.B. Despu Palliton in der 7. Ausgabe der „Gasette“, eines Heftes des Kulturwerks Gaswerk! (Winterthur).

Dietmar Sägeherr späht verstohlen um sich: Baumstämme soweit das Auge reicht! Das ist alles, was er sieht. Soweit er es beurteilen kann, befindet sich niemand in Sichtweite.

 

Er öffnet den Hosenlatz seiner 80 Franken-Jeans und uriniert mit kräftigem Strahl an einen der vielen Buchenstämme. Das Gefühl der Erleichterung, mehr noch als ein gottgegebenes, seufzt Dietmar Sägeherr mit der viel sagenden Mimik des erleuchteten Waldspaziergängers. Ein gar herrliches Plätschern, ein Geräusch des Weltfriedens; es ergiesst sich der gelblich-trübe Urin über die Rinde des kräftigen Baumes; mit all seiner Wärme und herzlichen Grüssen von der Harnröhre, die ihrerseits im „wurde langsam Zeit" der Körpersprache aufseufzt. Er will den Piephahn gerade einpacken, da kracht ein Schuss.

 

Das wirksame Projektil verschossen

… hat tatsächlich Gundelberg Pfütz, seines Zeichens Förster aus Leidenschaft, mit einem Hang zur Übertreibung überdies. Als Buche von mässigem Wuchs verkleidet, ist seine Tarnung wieder einmal eine meisterliche, ja - unter anderen Umständen wäre wohl eine herzliche Gratulation angebracht - wie auch immer: Die Taktik hat sich einmal mehr als todsicher erweisen dürfen. Mit einem lauten „Hurra!" entledigt der knochenmagere Pfütz sich fix des gefälschten Holzes, welches seinen abgehärteten Körper so kamelionenhaft umgeben hat. Die soeben benutzte Flinte fest im Griff, nähert er sich beschwingten Schrittes dem erlegten Unhold, der bestimmt zum letzten Mal an eine seiner Buchen pisste.

 

Just im selben Augenblick

… wickelt sich unter donnernder Akustik - zwei Kilometer weiter nördlich - ein meeralgengrüner Personenwagen der Marke Audi um eine am Strassenrand friedlich vor sich hin wachsende Pappel. Der Führer des vormals pedantisch gepflegten Wagens sagt „gute Nacht wertes Leben". Da ist er die Strecke wohl zum tausendsten Mal gefahren - von Kummelbach nach Sterzernhausen - aber genau so ergeht es einem, wenn man die Fahrerei unterschätzt und meint, sich mittlerweile dank der kilometerreichen Erfahrung wie auf Schienen zu bewegen. Aber noch schlimmer sieht's in Wirklichkeit aus. Auf dem Beifahrersitz, oder eher zwischen Schaltknüppel und Fahrersitz, sagte ebenfalls ein Mensch ade, wenn bei dem der letzte Gedanke auch anders lautete. Es ist dies der finale Gedankenausstoss einer ansehnlichen Frau gewesen, die da dachte: „Anschliessend die Lippen nachziehen."

Ja so kann es einem passieren, wenn man sich freihändig, hinter dem Steuer sitzend, während des Kurvenfahrens nach Sterzernhausen einen blasen lässt.

 

Drei Leichen schon,

… innert Minutenfrist, und der Wald tut sein Bestes, sich nicht das Mindeste anmerken zu lassen. Weshalb sich aufregen, wenn man die Ruhe selbst ist. Die Dachse lungern in ihrem Bau, das Wild reisst sich die feinsten Kräuter, der in diesen Gefilden ausgestorbene Bär sucht den Fluss, damit er fischen kann, und die Hasen, mein Gott, die Hasen …

 

Die Bäume jedoch sind über alledem erhaben. Ruhe ist ihr Geschick, Beständigkeit ihr Nachname und der Friede darin bis auf zwei-drei Dinge absolut. Sähe sich dieser und jener Baum nicht vom Schnabelgehämmer eines Spechtes gepiesackt, vom Dauergekracksel des Eichhörnchens befallen oder von Idioten wie dem verrückten Förster Pfütz imitiert - die Engel des Himmels selbst hätten sich auf ihren Ästen niedergelassen, um wie heilige Nachtigallen ein ewiges Loblied durch den Wald erschallen zu lassen - ein unaufdringliches, labsames, kräftespendendes.

 

Ein Lidschlag nur,

… freilich im Zeitgefühl des Waldes, und man sieht, als wäre es erst gestern gewesen, den weit herum gefürchteten Räuber Hotzenplotz das Dunkel eben dieses Waldes durchstreifen. Das Laub gibt leise ächzend unter seinen schweren Stiefeln nach. Unter der breiten Krempe seines schwarzen Hutes leuchtet ein wildes Augenpaar zu den Wipfeln empor. Wie aus glühenden Kohlen wirkt das Gleissen seines Blickes zum Blätterwerk, worüber sich alsbald eine sternenklare Nacht ausbreiten wird. Sein Bart ist eine Masse wogenden, tiefschwarzen Haares: wie ein Harnisch schmiegt er sich der mächtigen Brust, der Wölbung seines Bauches an. Um den gewaltigen Wanst des gefürchtetsten aller Räuber spannt sich das speckige Leder eines breiten Schnallengurtes, worunter vielzählig Schiesspulver-versehrte Pistolen klemmen. Zwischen den Schusswechseln von Bösewicht und Gutepflicht geben sie nur selten das Rauchen auf. Wie könnte es auch anders sein, liegen sie doch jeweils so kunstvoll dienlich in den schwieligen Pranken ihres Herrn. Jetzt aber schweigen sie brav, da Hotzenplotz im Wald Unterschlupf sucht. Da schreitet er dahin, und hinter ihm die Geister seiner zahlreich Gemordeten. Die Baumkronen sind ihm ein behütendes Dach und jede Lichtung, die da kommen mag, ein verräterischer Unort, den die gequälten Geister zu seiner Findung gerodet haben mögen.

 

Im Schlepptau des Hotzenplotz

… trotten auch Dietmar Sägeherr und das Paar, das nicht die Kurve kriegte. Im Lidschlag des Waldes haben sich ihre armen Seelen in der Zeit verirrt, doch im Taumel der Verwirrung ist ihnen auch jedwede Gesellschaft eine willkommene.

So zieht denn eine lange Schlange gemächlich durch die Düsternis, immer den Schritten des Hotzenplotz hinterher, und an der Spitze der langen Schlange ausrangierter Geister wird gar heftig debattiert, zu welcher Lichtung man ihren Mörder endlich treiben will.

Inzwischen ist der Mond als Sichel aufgegangen.

 

In den Ohren ein Flattern, Heulen und Quaken. Der Wald ist von wilder Nichtzivilisation durchtrieben. Jagende Eulen bringen mit ihrem plötzlichen Flügelschlag so manchem Geist das Fürchten bei, derweil ein halb verhungerter Fuchs am beringten Ohrläppchen des komatös vor sich hin schnarchenden Hotzenplotz knabbert. Die Toten: Da stehen sie in Scharen und warten, auf dass das Ochsenherz des Räubers von einem daherstürzenden Bären aus seinem Rippenkäfig gerissen werde. Ihnen zur ewigen Ruhe verhelfen würde das. Aber leider - alles was passiert, ist das sich abwechselnde Heben und Senken eines Hügels Laub, worunter der böse Räuber träumt.

 

Etwas abseits

… der Geisterschar haben indessen Dietmar Sägeherr und das Paar „sexualis del hoppala" Bekanntschaft geschlossen. Dass sie bestimmt nicht in die gespenstische Szenerie gehören, ist die feste Überzeugung der Drei, die im Wesentlichen keinen Schimmer haben.

Der Sägeherr meint sich an der Stelle zu befinden, wo der Förster Pfütz ihn aufs Korn genommen hat. Natürlich irrt er sich, und das Paar nickt auch nur so interessiert, weil es sich in ihrer eigenen, peinlichen Todes-Angelegenheit lieber ausschweigen will.

 

Was aber den Dietmar Sägeherr angeht: Der Baum ist sehr wohl ein anderer, ähnelt aber zugegeben dem von ihm benetzten, und der steht auch nicht sehr weit von ihm entfernt - als kleiner Triebling noch, mit viel Wachsdurst, den er sich eifrig durch den feuchten Waldboden stillt.

260 Jahre und einige Meter daneben schätzt der Sägeherr, in Bezug auf was er zu ergründen versucht. Das sind Zahlen, Spannen und Werte, die ein Begreifen der Lage nicht eben einfacher machen, aber ein Baum ist ein Baum und im Grunde findet er ja alle schön.

 

Während die grosse Schar der Gemordeten

… (den schlafenden, Laubhügel bildenden Hotzenplotz umzingelnd) unaufhörlich weitermurrt, sucht sich das Paar, das nach Sterzernhausen wollte, ein privateres Plätzchen. „Ade wertes Leben! Ein Nachziehen der Lippen erübrigt sich wohl jetzt!"

Im Schutze des Waldes, im Dunkel der mondbeschienenen Nacht, wird das Gefühl der Liebe auch im Tode aktiv.

 

Derweil in der Anderswelt …

Förster Gundelberg Pfütz weiss nichts von der Anschmiegsamkeit des Audi um die Pappel. Ihn kümmern derlei Dinge nicht. Hauptsach' die Ruh' ist eingekehrt! Noch einmal spuckt er in die harten Hände - nur Minuten noch, bevor er eine Krankenwagensirene aufheulen hört.

 

„Hat der Mistkerl an meinen Baum gepisst!", sagt er wieder, und klopft dabei heftig schnaufend mit der Schaufel den aufgelockerten Waldboden fest, worunter der Leichnam von Dietmar Sägeherr für neue Trieblinge sorgen wird.

 

Eine nützliche Sache also.