Aldo Betschart  
 

Die Geschichte vom geölten Blitz

Die Geschichte vom geölten Blitz, oder Billy "Black Air Angel Dust" (1998)

- Das tragische Leben des von Gott oder dem Teufel beschenkten Bill Weathers. Beliebt, bekannt aber unverstanden, prägt die öffentliche Presse jahrzehntelang die allgemeine Meinung über seine Person. Der Ruhe suchende, sich verflucht wähnende Weathers scheitert am Unverständnis der Mitmenschen, die seines Erachtens nur eine Attraktion in ihm sehen. Nach einem letzten fulminanten Missverständnis bleibt dem Wunderknaben nur die Flucht. Das Paradox: Die Legende lebt weiter. Er wird trotzdem ‚geliebt'.

 

 

England, im Frühherbst 1943

Der Mann hatte noch einmal leise aufgestöhnt und dabei den nackten Venushügel von Lilly Wetfire im Auge behalten. Im nächsten Augenblick sank er mit dem ganzen Körpergewicht auf sie nieder.

Lilly schob ihn, so gut sie konnte, ein wenig von sich weg. Der Soldat war augenblicklich eingeschlafen.

 

Draussen herrschte ein heftiges Gewitter. Der Regen trommelte hart gegen das Schlafzimmerfenster. Blitze erhellten in kurzen Abständen den sonst schummrigen Raum. Neben dem Bett lag das zerbrochene Glas einer ausgetrunkenen Whiskyflasche; Lilly sah das Glas jetzt mit dem Blitzlicht aufgleissen, während der abgetretene Fussboden rundherum seine Mattheit beibehielt. Der Boden allein blieb stumm, bleiern, schwarz und schwer.

Einmal mehr hatte Lilly sich ihr Geld verdient.

 

Der Kerl, der jetzt, wo fast schon der Morgen graute, bewegungslos neben ihr lag, hatte keineswegs aufgepasst, ja er war noch nicht einmal vorsichtig gewesen, obschon sie ihn, naiv wie sie immer noch war, darum gebeten hatte. Dabei hätte sie wissen müssen, dass er wegen dem Whisky bald unberechenbar sein würde. Lilly hatte zuvor mit ihm getrunken und damit schon einen ersten Fehler begangen. Sie war noch nicht lange im Gewerbe tätig, in das die Geldnot sie getrieben hatte. Als er dann das Geschäft auf ihr verrichtet und endlich ‚soweit' gewesen war, hatte er es plötzlich ganz schön frech von ihr gefunden, ihm das Beste zu versagen. Er war ein Kunde und da war es wohl sein gutes Recht! Ausserdem war er Soldat und man befand sich im Krieg! Der Allmächtige allein wusste, wie oft er in seinem Leben überhaupt noch dazu kam, mit einer Frau zu schlafen!

- Er hatte also nicht aufgepasst.

Was Lilly zum Verhängnis werden sollte. Denn es geschah in jener Nacht, dass aus dem lieblos ausgeführten Geschlechtsakt ein ungewollter Zeugungsakt wurde.

Er hatte in den verbliebenen Stunden seinen Rausch weiter ausgeschlafen. Als Lilly schliesslich am späten Morgen mit einem Kater aufwachte, fand sie die Bezahlung in Form eines Zigarettenpäckchens auf dem Nachttisch vor. Auf dem Fussboden hatte er zudem ein paar blutige Fussspuren hinterlassen. Irgendwie hatte er es wohl geschafft, nicht aufzuschreien oder zu fluchen, als er in das zerbrochene Glas trat. Lilly sah all das, dachte an ihr eigenes Elend und weinte. Der englische Soldat war ein einfacher, freundlicher Soldat gewesen, aber auch ein armseliger, betrügerischer Soldat, ohne Mitleid und - ohne Namen. Lilly weinte nicht wegen ihm. Männer bedeuteten ihr nichts. Sie weinte einer schlimmen Ahnung wegen. Das Leben, das sie führte, war eigentlich keines, schon lange nicht mehr! - weil sie sich selbst seit langem aufgegeben hatte. Die bittersten Tränen vergossen, griff Lilly nach den Zigaretten und ihrem eigenen Benzinfeuerzeug in der Schublade, um sich eine anzuzünden. Der Tabak tat ihr wohl. Ein einziger Zug davon schien ihr plötzlich mehr wert als das Leben des Soldaten, der ihr die Zigaretten dagelassen hatte. Nackt wie sie war, sass sie auf der Bettkante, schluchzte und rauchte. Und endlich war sie froh, dass er wie all die anderen weg war und im Krieg seinem eigenen Schicksal entgegenschritt.

 

Später konnte Lilly nicht mit Sicherheit sagen, ob jener Soldat der Erzeuger des Kindes gewesen war.

 

 

Indessen war der namenlose englische Soldat zu seinem Bataillon zurückgekehrt und als Funker nach Frankreich abberufen worden. Eines Abends zog an der Front ein unvorhergesehenes Unwetter auf. Die Meteorologen der britischen Armee wurden mehr noch als die Generäle davon überrascht. Obwohl nur von kurzer Dauer, handelte es sich um ein selten schweres Unwetter und noch dazu um eines, das im Besonderen den Funkkontakt unseres einfachen Soldaten empfindlich störte. Das Zentrum des eigentlichen Sturmes befand sich nämlich sehr bald genau über seinem Standort, wo er „sei es durch ein seltenes Unglück oder ein fatales Missgeschick" - wie der Armeearzt es dokumentierte - während des Unwetters von einem Blitz erschlagen wurde.

 

 

Die Geburt des vaterlosen Kindes trug sich in äusserst tragischen Verhältnissen zu. Lilly Wetfire gebar ihren ersten und einzigen Sohn völlig auf sich alleine gestellt im eigenen, schmuddeligen Bett ihres Zimmers. Sie hatte allen Lebensmut verloren und sich schon mehrfach umbringen wollen, es aber nicht fertig gebracht, solange das Ungeborene in ihrem Bauch wohnte. Niemand hörte ihr Wehklagen, als das Kind sich endlich zur Geburt anschickte. Zur gleichen Zeit sah man vom fernen Horizont wie aus dem Nichts urplötzlich ein Gewitter heranziehen, eine Armada schwarzen Gewölks, welche der Stadt wie ein Bombengeschwader entgegenflog. Während die bedrohlich wirkende Decke immer gewaltiger und schwerer erschien und schon weite Teile der Umgebung verdunkelte, erinnerten sich manche, die es beobachteten, an das schwere Unwetter von vor etwas mehr als neun Monaten. Doch jetzt war es helllichter Tag.

Die Bewohner der betroffenen Stadt flüchteten in ihre Häuser. Sie verschlossen und verriegelten Fenster und Türen, um das Unwetter, den Sturm drinnen abzuwarten. Nachdem nach etwas mehr als einer Stunde Bangen schliesslich das Schlimmste vorbei schien, die Sturmschäden sich - diesmal unbeschönigt von der Dunkelheit der Nacht - vor den Bürgern präsentierten, hörte auch jemand das durchdringende Geschrei des neugeborenen Kindes, das Lilly Wetfire soeben ganz ohne Hilfe zur Welt gebracht hatte.

 

Als man ihr Zimmer betrat, waren Mutter und Kind immer noch durch die Nabelschnur miteinander verbunden. Das schreiende Neugeborene lag in den Armen der toten Mutter. Lillys Gesichtsausdruck wirkte entspannt, ja zufrieden, gerade so, als ob sie nur vor Erschöpfung schliefe.

Sie war bei der Geburt verblutet. Das arme, bemitleidenswerte Kind aber lebte und schien gut bei Kräften.

 

Schreibtisch Aldo Betschart

 

1955

 

Ein Zeitungsausschnitt der „New Impossible Times"

- Was für ein Junge! -

 

Ein Bericht von Abraham Bixley.

 

Schon wieder gibt es eine sensationelle Meldung über den unglaublichen Jungen, über Billy "Weird" Weathers! Der Zwölfjährige wurde diesmal ganz unverhofft während einer Flora-Schulstunde - bei leichtem Nieselregen! - vom Blitz getroffen. Wie zunächst der anerkannte Mediziner, Dr. Henry Feelgood gegenüber der N.I.T berichtete, habe Billy später lediglich über ein Kribbeln im Bauch geklagt, sei ansonsten aber vollkommen unversehrt und wohlauf gewesen. Billys 23 Mitschüler, allesamt Zeugen des unheimlichen Vorfalls, berichteten einhellig, dass Weathers während des Blitzschlags sekundenlang „wie eine 1000-Volt Glühlampe" geleuchtet hatte, bevor er ganz unvermutet in die Arme seines Lehrers, Mr. William Tradition (58), gestürzt sei, welcher durch den Körperkontakt augenblicklich getötet wurde. William Tradition war als besonderer Verfechter der autoritären Erziehung weit herum bekannt. Er hinterlässt eine Ehefrau und drei Kinder. Nach Dr. Feelgoods Meinung war Tradition durch die Übertragung der elektrischen Spannung aus Weathers Körper „sofort und ohne Schmerzen" zu Tode gekommen.

Mindestens ein Teil von Feelgoods Aussage ist inzwischen mehrfach widerlegt worden. Nach einer eingehenden ärztlichen Untersuchung, vorgenommen durch Dr. Vibus Ration von der städtischen Gerichtsmedizin, starb der autoritäre Lehrer nach Dr. Rations Überzeugung keineswegs ohne Schmerzen, sondern vielmehr „an einer extremen elektrostatischen Herzlähmung". Des Weiteren hatten die geplatzten Blutgefässe in Traditions Körperinneren nach Meinung der Gerichtsmediziner ebenso zum Schlimmsten geführt, „noch bevor das Herz des Lehrers endgültig zum Stillstand kam."

Von der körperlichen Verunstaltung des Leichnams sei man im medizinischen Labor allgemein beeindruckt, heisst es weiteren, zuverlässigen Quellen zufolge …

 

Auf Billy Weathers Gesundheitszustand angesprochen, erklärte Dr. Vibus Ration gegenüber der New Impossible Times weiter:

„Der Junge macht uns alle ratlos. Obschon äusserst gründlich untersucht, haben wir bisher keinen nennenswerten Unterschied zu einem anderen Jungen seines Alters festgestellt. Es gibt für uns noch keine eindeutige Erklärung für den faszinierenden Fall Billy Weathers. Jedoch sind wir und alle einig, dass es irgendetwas vermutlich in Billys Körperinneren geben muss, das diese Blitze in unregelmässigen Abständen regelrecht anzieht. Dabei kann es sich zum Beispiel um eine besondere chemische Verbindung handeln, wobei Billys Körper, während diese Verbindung wirksam wird, offenbar immun gegen die enorme Spannung des Blitzschlages ist, den er - und das ist wichtig! - zweifellos ganz unwissentlich vorher selber ‚heraufbeschwört'. Ich und die Kollegschaft sind uns darüber bewusst, wie fantastisch das klingt. Der Junge ist ein sagenhaftes, wissenschaftliches Rätsel! Umso verwirrter waren wir nach den Versuchen, die wir mit der Erlaubnis der Adoptiveltern an Billy durchführen durften. Der Junge hat schon auf die leichtesten Elektroschocks äusserst diffizil reagiert."

Wie Dr. Vibus Ration weiter sagte, hat Billy Weathers bei den besagten Versuchen schon auf eine Stromstärke von 10 Volt - eine wirklich sehr geringe Stärke! Anm. d. Verf. - ziemlich ungehalten reagiert, was ihn diesbezüglich keineswegs von einem normalen gleichaltrigen Jungen unterscheidet. Die ungeklärte Frage ist also: Wie überlebt Billy ‚Weird' Weathers einen Blitzschlag von mehreren 100 000 Volt?!

 

Zurzeit erholt sich Billy von den anstrengenden Versuchen im städtischen Labor. Unterdessen hat der tragische Tod seines Lehrers, William Tradition, zu einer vorübergehenden schulfreien Zeit geführt, der alle Schüler des Verstorbenen angeblich mit grosser Genugtuung begegnen sollen … Bla bla.

 

 

1976

Radiomitschnitt der Pekinger Tagesthemen

- Bill "Weild Lightning" Weathels elhält Tapfelkeitsmedaille! -

Am Miklofon: Yun Kewang.

 

Guten Tag, meine Zuhölel und Zuhölelinnen. Den Unluhen del „antikommunistischen Lebellen gegen Mao" wulde gesteln Abend auf dem Yangtseplatz ein jähes Ende gesetzt! 17 del 18 Feinde unselel Volkslepublik beteten zum letzten Mal zum kapitalistischen Teufel, bevol sie wie dulch ein Wundel Buddhas ihl Schicksal eleilte!

Wie Ladio Peking seit einel Woche belichtet, nahmen die 18 Hunde von Kanalienvögel vol 10 Tagen 73 Eulopäische Toulisten als Geiseln, um von den jeweiligen Botschaften elplesselisch Einleiseellaubungen und einwandfleie Pässe zu foldeln. Doch die Lechnung und del Leis sind am Ende nicht aufgegangen Hi hi!

Untel den Gefangenen wal nämlich kein gelingelel als Billy "Weild Lightninglove" Weathels! Wuuundelknabe aus England, del seine Felien gelade wählend del schon seit dlei Wochen anhaltenden Schlechtwettelpeliode in unselem heeellichen Peking geniessen wollte, als es zu del schliiimmen Geiselnahme allel Insassen del zwei Toulistenbusse kam.

Untel Waffengewalt wulden die Eulopäel zuelst ins Mekong-Einkaufscentel am Yangtseplatz geblacht und dolt fül 10 Tage und 9 Nächte gegen ihlen Willen im Kellel vollel Latten festgehalten.

Sämtliche Pekingel Polizeikläfte walen machtlos! Jedel Eingliff schien zu liskant. Die Kojoten von pfeldemistigen Tsefliegen dlohten mit del Elschiessung allel dleiundsiebzig Geiseln, wenn man ihlen Foldelungen nicht folgen wülde! Hollol fül toulistenabhängigen, blaven Chinesen!!!

Die tellolistischen, antikommunistischen Lebellen wollten untel den Gefangenen einen Splechel auswählen, als sich Weathels zul Elleichtelung allel fleiwillig meldete.

- El wulde genommen! Hihi!

Fuuiiiiiiääääüüüüüqquoooooooääääääääääüüüüüüüüüüüfuiiiiiiiiiiiiiääääääähhhhkk!!!!!!!!!!!

(Lautes, ohrenbetäubendes Pfeifen - chin.: Lückkopplung)

 

„Bitte um Entschuldigung! - Ich belichte weitel: Weathels musste sich alle paal Stunden am Fenstel zeigen und musste auch als Zwischenmann fungielen. El musste sich mit del jeweiligen Legielung velständigen und telefonielte stundenlang mit Botschaft von hiel und da. Keinel del Lebellen splach gut Englisch, haha! - Es sei fül ihn äusselst intelessant und spannend gewesen, teilte el uns in einem spätelen Intelview mit. El habe viel übel chinesische Politik gelelnt und el habe die andelen Geiseln im Kellel ganz velgessen, da oben im Luxuszimmel von Mekong-Einkaufscentel.

Alle Legielungen koopelielten und velsplachen fleie Einleiseellaubnis sowie Stlaffleiheit. Die Polizei läumte das Feld heute Molgen flüh. Alle Geiseln bis auf Weathels wulden als lebendel Beweis an die Fenstelflont gestellt. Die zwei Toulistenbusse wulden folgefahlen wie vellangt.

17 Lebellen und Weathels velliessen dalaufhin endlich das Centel, wo nichts mehl an seinem Platz stand, wegen lebellischem Uebelmut! Ein Lebell wollte im Mekong-Einkaufscentel bleiben, el will sich in italienisches Mädchen velliebt haben, del Glückliche! Haha!

Kaum dlaussen, blach heftigstes Unwettel seit zehn odel elf Tagen aus. Sofolt eilten die 17 Bandwülmel von Hühneln in die beleitstehenden Busse auf Yangtseplatz. Weathels wollte auch einsteigen! abel die antikommunistischen, tellolistischen Lebellen wollten ihn nicht!

- Daaas wal glooossel Fehlel.

 

Schreibtisch Aldo Betschart

Weathels wollte sich auf englisch velabschieden. El wollte in den Bus einsteigen, abel die Lebellen öffneten die Bustül nicht! Weathels wulde wütend, weil sehl enttäuscht, wie er spätel sagte. Also: Bus wollte schon abfahlen, als Weathels jetzt gaaanz entschlossen die Bustül aufliss und da! - da wulde el im selben Moment von einem schleeecklichen Blitz getloffen! Einmal, zweimal, dleimal!!! Weathels glühte und knistelte wie ein mongolisches Buschfeuel. Lauch übelall! Abel el betlat den Bus! Haha! Hihi! Um sich pelsönlich von den Lebellenfleunden zu velabschieden! Haha, haha! mit Händedluck! Haha Hihihihihi! Wie es Sitte ist im seltsamen Eulopaaa!

Unwissende lebellische Idioten gaben nach, und stalben einel nach dem andelen!

- Abel was geschah weitel:

Lestliche 8 Tellolisten im andelen Bus sahen ihle Fleunde bluzeln und wollten zu Hilfe eilen. Daaas wal glooossel Fehlel.

Nassel, elektlisch geladenel Boden elwaltete sie und machte alles unsichtbal im weissen, stinkenden Lauch. Hihihihihi Hahahaha! …

 

Weathels soll dalob ganz velwillt gewilkt haben, aaabel el ist del Held del Stunde! - Wil liiieben Ihn! China liebt dich Weathels! Hölst duuu!? China liebt "Lightninglove Weathels", haha … Bla bla.

 

 

1981

Presseauszug des L.A. Storm (Boulevardblatt)

- Bill "The Mutant" Weathers heiratet Hollywoodstar Linda Hurricane! -

 

 

Ein Bericht von James J. Wind.

 

Er war der Junge, der aus dem Nirgendwo kam, bis er als erster menschlicher Blitzableiter die Welt in Erstaunen versetzte: Bill "The Mutant" Weathers! ( 38 )

Wo er auftaucht, ist ein Gewitter nicht fern. Die Wolken, die die meiste Zeit wie ein unheimliches Dach hoch über ihm schweben, sind inzwischen sein Markenzeichen geworden. Als ein unlösbarer Fall, ja als einziger Mensch, der je einem Positivblitz die Stirn geboten hat, ist er bereits in die Geschichte der Wissenschaft eingegangen! Aber Weathers ist mehr als nur ein medizinisches Wunder. Er ist ein Mann und darüber hinaus einer, der Blitze und Frauen gleichermassen anzieht wie der Hund die Flöhe. Dabei ist eine Frau ganz besonders von ihm angetan. Es handelt sich um keine geringere als um den blonden Hollywood-Engel Linda Hurricane! (23)

Wer kennt sie nicht, die schöne Linda Hurricane! Berühmtheit erlangte der Star mit dem Film „Spaziergang im Regen", ein Spielfilm aus dem Jahr 1977, wo Linda die Tochter eines verrückt gewordenen Wetterpropheten mimte, sowie mit dem letztjährigen preisgekrönten Epos „Kalte und heisse Tage", worin sie eine Kühlschrankverkäuferin in Malibu brilliant, sexy, und nicht zuletzt sehr glaubhaft darstellte.

Wie uns aus verlässlicher Quelle mitgeteilt wurde, ist die Beziehung zwischen Weathers und Hurricane schon länger kein streng gehütetes Geheimnis mehr. So wollen Hurricanes nächste Nachbarn im Bundesstaat Florida schon seit April regelmässig heftige Niederschläge über dem Anwesen der Schauspielerin beobachtet haben. Vor allem nachts hätten nach Aussagen der Nachbarn des Öfteren auch Blitze in die 27 Zimmer-Villa eingeschlagen! Die Blitze hätten im Umkreis von 500 Meilen alles erhellt, heisst es weiter. Nun, verehrte Leserinnen und Leser: Ich bin James J. Wind und ich zweifle nicht daran, denn wie heisst es so schön: Die Nachbarn müssen es wissen!

Als Reporter des L.A. Storm kann ich zum Schluss noch mit einer ganz exklusiven Neuigkeit aufwarten. So hat Linda Hurricane auf dem Dach ihres Hauses inzwischen einen 250 000 Dollar teuren Blitzableiter anbringen lassen. Dieser sei laut Hurricane als ein erstes Hochzeitsgeschenk an Weathers zu verstehen. - Na hallo! Was ‚sagt' man dazu! Wenn das keine Liebe ist, verehrte Leserinnen und Leser …

Wir von L.A. Storm haben diese Hochzeit kommen sehen. Erinnern wir uns nur an Lindas Kommentar vom vergangenen März. Die Beiden hatten sich damals soeben zum ersten Mal getroffen. Auf die Frage, was für einen Eindruck sie vom Naturwunder Weathers habe, verriet die attraktive Schauspielerin damals schon mit leuchtenden Augen:

„Er ist vielleicht nicht der bestaussehendste Mann den es gibt, aber er sprüht förmlich Funken. Ich finde ihn ganz einfach elektrisierend, wenn Sie verstehen, was ich meine …!"

 

Hat man Töne, verehrte Leserinnen und Leser! Ich würde sagen: Linda Hurricane ist eine Frau, die weiss, was sie will!

 

Aber was ist mit dem zukünftigen Gatten? Leider war es dem L. A. Storm bisher nicht möglich, den angehenden Bräutigam zu interviewen. Wie wir erfahren haben, weilt der als menschenscheu beschriebene Weathers zurzeit im südamerikanischen Guatemala, wo er Gerüchten zufolge „die Abgeschiedenheit geniesst". Damit unterscheidet sich der Wunderknabe einmal mehr von jedem anderen sterblichen Mann, der statt ihm von Linda Hurricane geliebt würde und ihr nahe sein könnte. Warum Weathers zur Erholung ausgerechnet nach dem fernen Guatemala reist, wird vorerst sein Geheimnis bleiben. Damit nicht genug, hat dort die Regenzeit gerade ihren Höhepunkt erreicht! Erdrutsche und Überschwemmungen seien an der Tagesordnung, melden die dortigen Nachrichten, und eine Besserung sei derzeit keineswegs in Sicht.

Doch keine Sorgen, verehrte Leserinnen und Leser: Bill "The Mutant" Weathers werde pünktlich zur Hochzeit erscheinen, scherzte seine überglückliche, aber momentan etwas einsame Verlobte … Bla bla.

 

1987

Auszug eines Flugblattentwurfes der Christenvereinigung: ‚Prophetenantenne'

(Hier die streckenweise unveröffentlichte Version)

- Bill "The one" Weathers: Ein gesandter Gottes? -

 

 

Die Zeit der Leiden kann schon bald vorbei sein! liebe Brüder und Schwestern, liebe Mitchristen. Schon wieder ist eine frohe Botschaft über unseren Hoffnungsträger, den erhabenen Bill "DER EINE" Weathers - diesmal aus Shelby, Montana - zu uns, der Gruppe der Prophetenantenne gelangt! Dort hat Gott durch ihn gewirkt, indem Bill einen Blinden wieder sehend machte!

Sofort sandten wir unseren würdigsten Helfer und Mitbruder, Jonas den Reinen, an den Ort des wundersamen Wirkens, wo er den glücklich Geheilten alsbald über das Wunder befragen konnte.

 

An dieser Stelle seid gewarnt, liebe Mitchristen! Unsere Gruppe hat sich den Geheilten von vorne herein anders vorgestellt. So lässt er leider jede Andacht und Gottesfurcht vermissen, und seine mündliche Ausdrucksweise ist mit harten, nein gottlosen Kraftausdrücken durchdrungen. Dennoch sollen die Worte des Geheilten nicht vor Euch verfälscht werden. Seid also noch einmal gewarnt: Wappnet Euch gegen das hauende Schwert des Fluchens! Wappnet Euch! Denn was könnte den Unwürdigen unter uns gar alles zustossen, nachdem sie das nun Folgende vernommen haben! Was könnte die Folge dieses Ausflugs in das Reich der Schwüre sein, wo die Worte des geheilten Sünders selbst unseren treuen Bruder und Berichterstatter, Jonas den Reinen, durch ihre teuflische Rauheit zum heiligen Weihwasser greifen liessen.

Jedoch wissen und verstehen wir, Herr, wenn DU sagst: Gerade vom Weg abgekommene Schafe bedürfen deiner Obhut!

(Kapitel 14. Vers 7) - Für jedermann!

 

Ein neues Wunder unseres Herrn!

Montana, Texas 6.6.'87 22:00 (Ortszeit)

Vefasst von Jonas dem Reinen, Eurem Mitbruder.

 

Liebe Mitchristen! Die Ihr das nun Folgende erfahren werdet: Seid meiner Liebe gewiss. Bekreuzigt euch, lobet den Herrn und leset sodann, was ich nach meiner Rückkehr aus Shelby (Montana) niederschrieb. Nämlich dies:

Der 74-jährige blinde Rentner John Quikle, der 1950 im siebenunddreissigsten Lebensjahr wegen einer fragwürdigen Trink- und Schiesswette sein Augenlicht verlor, sass am vergangenen 17. Mai wie jeden frühen Abend draussen auf der Veranda, als nach seinen eigenen Aussagen plötzlich ein (Zitat Mr. John Quinkle!) „…verteufelt hell aufzuckendes Licht aus südöstlicher Richtung meine abgestorbenen verdammten Augäpfel wie neu anzündete. Dann sah ich ganz deutlich diese vielen Blitze durch die Luft schiessen, kaum ne halbe Meile weit entfernt, so was haben Sie noch nicht gesehen. Ich stand wie vom verdammten Donner gerührt auf und konnte plötzlich die ganze verdammte Umgebung, die Farm, das Land und selbst meine dämlichen, abgelatschten Hausschuhe an meinen Füssen sehen! Ich konnt's verdammt noch mal beim besten Willen nicht fassen! Ein verdammtes Wunder! hab ich rumgeschrien, Edna! hab ich nach meiner Alten geschrien, komm verdammt noch mal auf der Stelle hier raus! hab ich geschrien, und noch allerlei so Zeugs, wissen Sie … - Ob Sie's glauben oder nicht, aber so war's. So wahr ich hier verdammt noch mal stehe, oder ich möchte nicht länger der alte Hurensohn Quikle sein."

An dieser Stelle, liebe Mitchristen, fragte ich den armen, von Gott begnadeten Sünder, wie er die Heilung genau erfahren hat.

(Zitat Mr. John Quinkle!) „Was zur Hölle hätten Sie wohl getan! Ich hab mich wie ein gottverdammter Wahnsinniger aufgeführt, bis meine Alte endlich auf die verdammte Veranda rauskam und ebenfalls in dieses irrsinnig helle Heiligenlicht starrte, oder was es verdammt noch mal sonst noch gewesen sein könnte. Gottverdammt, ich sag Ihnen! Als ich meine alte Edna nach 37 Jahren zum ersten Mal wieder sehn konnte, bin ich verdammt noch mal buchstäblich erschrocken wie ein dummer Maulesel, der von einem verflucht hässlichen Zuchtbullen bestiegen wird. Jedenfalls sehe ich seitdem jedes noch so kleine, gottverdammte Ungeziefer auf Gottes weitem Land rumfleuchen. Auf meinem Land, sag ich Ihnen! Ich sehe die krabbelnden kleinen Höllenviecher, als wenn ich ein Fernglas vor Augen hätte - von Morgens bis Abends - können Sie sich so ne Sauerei verdammt noch mal vorstellen? Ich meine: Meine Alte hat das Wunder, oder was es verdammt noch mal sonst gewesen ist, kein bisschen besser gemacht. Sie ist im Gegenteil ganz schön schrumpelig und fett geworden, wie ne alte Hexe, so schrumpelig, dabei war sie mal das hübscheste Ding von ganz Montana. Aber verdammt noch mal wissen Sie: Sie kocht immer noch ganz anständig, wissen Sie …"

 

Dann fragte ich den auf so wunderbare Weise geheilten, armen Sünder endlich ganz deutlich, in welcher Form er unseren Engel, den erhofften Propheten Bill "Der Eine" Weathers zum Zeitpunkt der Heilung wahrgenommen habe.

(Zitat Mr. John Quinkle!) „Weathers? Was meinen Sie mit ‚Weathers?' Verdammt, ich hab's Ihnen doch schon mal gesagt … Also gut, wenn Sie möchten, sag ich's Ihnen verdammt noch mal gern noch ein weiteres Mal. Dann sperren Sie mal besser ihre verstaubten Ohrlappen auf, und das Ding, das Elektroband oder wie das verdammte Gerät da in Ihrer Hand auch immer heissen mag; das verdammte Ding können Sie auch gleich mit einschalten. - Also wegen Weathers haben Sie mich gefragt, nicht wahr! Na ich sagte doch schon, gottverdammt, und ich werd mich wie's aussieht wiederholen müssen: Ich kenn ihn ja nicht persönlich, aber ich könnt bei meinen alten Cowboyeiern schwören, dass da dieser verdammte Wunderknabe von Weathers in der Nähe war! Ich hab doch dieses verdammt grelle Blitzlicht mit meinen eigenen Augen gesehen, und ich sag Ihnen: Jetzt wo Sie mich wieder drauf ansprechen … ja jetzt glaube ich sogar noch eine ganze verdammte Menge mehr von dem Kerl gesehen zu haben. Sehen Sie: Da drüben auf dem Highway ist er mit seiner kleinen Karre vorbeigefahren, so'n kleinen fährt er doch, sagen Sie. Einfach unter den ganzen Blitzen drunter weg, ja soviel weiss ich noch, das können Sie mir verdammt noch mal glauben! Und dann hat's noch lang hinter ihm her geknistert wie verrückt und verdammt ich hab noch gedacht, was fliegt mir denn hier um die Ohren, na sag mal! Gekribbelt hat's überall, noch ne ganze verfluchte Minute, als ob hunderttausend Spinnen an mir rumgeklettert wären! Ja so war's, sonst fragen Sie meine alte Edna. Was soll man verdammt noch mal davon halten, frage ich Sie, und dann fahren Sie mal in die Stadt und fragen dort den guten, alten Doc! Fragen Sie Sam Farteimer, so heisst er nämlich! Heiliger Strohsack und zum Teufel! Der Doc meint, was mit meinen ausgebluteten Bussardaugen passiert ist, grenzt an ein gottverdammtes Wunder, nein es sei noch mehr als ein verdammtes Wunder hat er gesagt, wissen Sie …"

 

Schreibtisch Aldo Betschart

Und so führte mich die Reise zuletzt noch zu Dr. Samuel Farteimer, einem Menschen von grosser Anständigkeit und Gottesfurcht. Nach dem Gespräch mit dem wundersam geheilten John Quinkle war mir die Bekanntschaft mit Dr. Farteimer eine heilige Wohltat. Dieser gute Mann - man möchte es kaum glauben - ist seit über vierzig Jahren der Hausarzt von John Quinkle. Er und seine ganze Familie besitzt das Vertrauen der Gemeinde Shelby, und so soll dieser edle Mensch, aus dessen Mund während unserer Unterhaltung nicht ein einziger Schwur kam, auch unser Vertrauen haben. Liebe Mitchristen! So leset und freuet euch: Dr. Samuel Farteimer hat mir - Eurem Jonas dem Reinen - den medizinisch vollkommen unmöglichen Heilungsprozess an Quinkles Augen bestätigt!

„Beim nachfolgenden Sehtest hat sich Quinkle zwar nicht besonders hervorgetan", sagte Dr. Farteimer, „doch ansonsten hat er das normale gute Sehvermögen eines gesunden 74-jährigen! Vorher war Quinkle jahrzehntelang blinder als eine Blindschleiche. Rein medizinisch ist seine wiedergewonnene Sehkraft ein Ding der Unmöglichkeit; was das anbelangt, stehe ich als Arzt vor einem Rätsel. Wenn man so will, kann man also durchaus von einem Wunder sprechen."

 

Diese Worte, liebe Mitchristen, lassen wahrhaft auf ein Wunder unseres Herrn schliessen! Und obwohl der wieder sehende John Quinkle unseren gesegneten, wundertätigen Bill nach der Wunderheilung nicht mit aller Deutlichkeit erblickte, so hat er nach eigenen Aussagen doch seinen Sportwagen auf dem nahen Highway gesehen und „seine Nähe in allen Gliedern gespürt!" - Und das ist noch um vieles eindrucksvoller und wundersamer als eine rein körperliche Anwesenheit Bills.

Auf meine abschliessende Frage, ob er nach der Wunderheilung auch mit ganzem Herzen an das Zusammenspiel und die Verbundenheit zwischen Gott und Bill Weathers glaube, hatte mir John Quinkle abschliessend geantwortet:

„Aber verdammt was denken Sie denn! In meinem ganzen verdammten Leben hab ich nie an irgendwelche Wunder und den ganzen anderen Mist geglaubt, aber schauen Sie mich an! Wenn das kein gottverdammtes Wunder war, dann weiss ich nicht! Wunder gibt's nicht! hab ich gesagt, und jetzt schauen Sie mal, wie der alte Quikle sich in seinem Leben doch noch mal geirrt hat. Wenn Sie uns also wie versprochen Weathers Adresse dalassen, wird meine Edna dem Kerl verdammt noch mal nen Dankesbrief zuschicken. Ich werd mein Kreuz darunter setzen und ihm ein-zwei Dollar von unserem sauer verdienten Geld beilegen, obwohl er's weiss Gott nicht nötig hat. Aber wissen Sie, so bin ich nun mal! Das ist verdammt noch mal das Mindeste, was ich tun kann, wissen Sie …"

 

Inzwischen haben wir, die Vereinigung Prophetenantenne, die Heiligsprechung von Bill durch den Papst beantragt … Bla bla.

 

 

1990

Bill Weathers gründet das Institut "Geölter Blitz"

- TV Dublin. 20:00 Uhr Tagesthemen Dublin -

 

 

…und weiter geht's mit einer überraschenden Neuigkeit aus den USA, genauer aus Rainington im Bundesstaat Washington. Ich übergebe an meinen Kollegen - Lance, du hast das Wort, bitteschön!"

„Danke Charlie!

„Verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer: Allein die vielen Spitznamen, mit denen seine Fans ihn identifizieren, sind längst Legende. Sie reichen von zärtlichen Kosenamen wie etwa "Weisser Wolkenmann" über "Himmelsfunke" bis hin zu "Billy Black Air Angel Dust". Die Rede ist von Bill "Der Blitz" Weathers. Gestern hat der inzwischen weltweit bekannte und seit seiner Kindheit für Furore sorgende Weathers in den Vereinigten Staaten ein einzigartiges Institut oder besser: „ein Refugium für Alkoholkranke und grenzüberschreitende Fälle" eröffnet. Wie unser dortiger Korrespondent auf der offiziellen Pressekonferenz in Rainington in Erfahrung gebracht hat, wird das Institut den etwas befremdlichen Namen ‚Geölter Blitz' tragen. Hervorzuheben ist, dass der bekanntlich öffentlichkeitsscheue Weathers der Pressekonferenz erwartungsgemäss fernblieb."

„Das ist der bescheidene Weathers, wie wir ihn kennen und lieben. Aber was möchte er mit dem etwas seltsam anmutenden Institut genau bewirken? Kannst du das unseren Zuschauerinnen und Zuschauern bitte sagen, Lance?"

„Ja, was möchte der Mann uns sagen; genau das habe ich mich auch gefragt, Charlie. Nun, die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Nach Angaben seiner Exfrau, Linda Hurricane, wollte Weathers schon seit geraumer Zeit „etwas Sinnvolles schaffen, namentlich für Leute seines Schlages". Was genau mag er damit gemeint haben, wird man sich fragen. Nun, es ist seit langem kein Geheimnis, dass Weathers selber alkoholkrank ist immer wieder unter Depressionen leidet. Mit seinem neuen Projekt tritt er jetzt gewissermassen in die Fussstapfen seiner Exfrau. - Wir erinnern uns: Nach ihrem kurzlebigen Hollywood-Ruhm versank Linda Hurricane zunächst in einer wahren Flut von Alkohol- und Drogenexzessen. Sie spielte noch einige erfolglose Rollen in unbekannten B-Filmen, bis sie sich vor wenigen Jahren endlich ganz vom Filmgeschäft zurückzog. Heute arbeitet die inzwischen 32-jährige, wieder aufgeblühte Hurricane für eine mässig bekannte kalifornische Zeitung, die „Post Fame". Hurricane und Weathers waren von 1981 bis 1983 miteinander verheiratet. - Doch kommen wir zurück zur besagten Pressekonferenz und damit zum Wunderknaben Bill Weathers. - Ich übergebe dir einmal mehr das Wort, Charlie."

 

„Besten Dank Lance! - An der Pressekonferenz zur Eröffnung von Weathers Anstalt hat sein Stellvertreter bekannt gegeben, dass Weathers mit der Verwirklichung seines lang gehegten Traums vom Institut „Geölter Blitz" insbesondere daran gelegen sei, „Gleichgesinnten einen Hafen zu bieten". - Na wenn das nicht eine Herausforderung ist, meine Damen und Herren! Gegen Ende der Konferenz liess sich dann Weathers höchst persönlich per Telefon zuschalten. Wie unser Mann in Übersee berichtet, habe Weathers sich während der cirka einminütigen Erklärung betrunken angehört; darauf angesprochen dementierte er jedoch heftig. Aber kommen wir zum Kern seiner Verlautbarung. Diesen einen Satz möchte ich hier vor Ihnen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer wortwörtlich zitieren: „Mit der Institution will ich vom Schicksal Geschlagenen eine Zuflucht bieten", sagte Weathers, und weiter: „begreift Ihr das, Ihr engstirnigen Wahrheitsverdreher! Mein Institut steht für all jene, über deren Haupt ebenso wie über meinem eigenen ein Fluch kreist …"

„Mutig, der Mann."

„Das möchte ich meinen, Lance! Aber ist das tatsächlich der Grund für Weathers Gesinnungswandel? Oder steckt vielleicht mehr dahinter? Wir erinnern uns an frühere Aussagen von Weathers, so etwa an jene von vor zwei Jahren, als er sich bei einem Kurz-Aufenthalt in Dublin in aller Öffentlichkeit einen Mörder und Schlimmeres schimpfte! Den meisten Iren dürfte der damalige Schock noch heute in den Knochen sitzen. Damals sagte der nervlich mitgenommene Weathers Dinge wie: Er habe es satt, Besserwisser plötzlich neben sich brennen zu sehen. Einmal äusserte er der Presse gegenüber gar, dass er auch schon mal absichtlich jemanden zur „Hölle" geschickt habe, wenn ihm die Anwesenheit des betreffenden Mannes unerträglich geworden sei. Dies wollte er in einzelnen Fällen ganz bewusst so gemacht haben, um nicht zuletzt von der Polizei endlich unschädlich gemacht zu werden und vielleicht auf diese Weise Ruhe zu finden. Aber es gebe - ich zitiere noch einmal Weathers: „laut Strafrecht eben kein Gesetz, in dem steht, dass ein durch die Naturgewalt des Blitzes zu Tode gekommener Mann das Opfer einer Gewalttat ist".

 

Was sagt man dazu, verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer. Ich persönlich würde sagen, dass das ganz schön starke Worte waren und einmal mehr ein Beweis für die ausserordentliche Aufrichtigkeit dieses zu Recht bewunderten Engländers. Was für ein Mann, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer. Bill Weathers war offenbar nie bewusst, wie beliebt er bei der irischen Bevölkerung ist! Aber machen wir einen Schritt in die Vergangenheit: Es war vor zwei Jahren. Der damals mit erheblichen psychischen Problemen kämpfende Weathers war dafür bekannt, sich für jedes noch so kleine Unglück selber anzuklagen. Während seines letzten Dublin-Aufenthaltes hatte er sich kategorisch nach jedem ominösen Todesfall selber angezeigt, dabei handelte es sich verschiedentlich auch um die berühmt gewordenen Mordfälle, die bewiesenermassen von der berüchtigten Dennis-Gang und anderen Gangs begangen wurden - wir haben ausführlich darüber berichtet. Im bekanntesten Fall hatte Weathers damals vor den eintreffenden Polizeikräften seine Schuld am Tod der drei führenden Verbrecher bekannt, den gefürchteten Gibbgillan Brüdern, obschon er kurz vor deren Ableben lediglich mit ihnen Karten spielte und, haha, angeblich verlor. Später soll Weathers sich geärgert haben, weil ihn, seiner Aussage gemäss, die Polizisten am Tatort nur bewundernd angelächelt und sogar Autogramme verlangt hätten."

„Was für eine heldenhafte, bescheidene Seele. Ist das eine bewundernswerte Einstellung für jemanden, der mit einem Haar den berüchtigtsten Verbrechern Dublins zum Opfer gefallen wäre! Ich weiss ja nicht, was du getan hättest Lance, aber ich hätte bestimmt von Weathers ein Autogramm verlangt."

„Mindestens Charlie, mindestens!"

„Haha! Da sieht man mal. - Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer: Bill Weathers mag von jeher unter einem mangelnden Selbstbewusstsein gelitten haben, aber liebenswürdig und bescheiden wie er immer war, kann er nur schwer mit seiner ausserordentlichen Beliebtheit umgehen. Der besagte Todesfall wurde seinerzeit natürlich auf das Genaueste untersucht! Die Ermittlungen wurden von niemand sonst als unserem hoch angesehenen Oberinspektor Ben Meredith von der Stadtpolizei Dublin geleitet. Wie er unserem Sender seinerzeit berichtete, stand Weathers Schuld schon vom ersten Augenblick an ausser Frage. Laut Meredith waren die berüchtigten Kriminellen ohne jeden Zweifel endlich selbst Opfer der anhaltenden Bandenfehden geworden. Als die Polizei damals am Tatort eintraf, wurden sie von einem zutiefst geschockten Weathers erwartet. Die Leichen der drei Gibbgillan Brüder waren zu diesem Zeitpunkt fast vollständig verbrannt.

Ihre Identität konnte im Nachhinein nachgewiesen werden."

 

„Schrecklich Sache. Da muss man sich nicht wundern, wenn Oberinspektor Meredith den unverletzt gebliebenen Weathers selbstverständlich mit dem grössten Vergnügen selbst zum Hotel brachte."

„Das sehe ich genauso, Lance.

- Nun, meine Damen und Herren: Bill Weathers war und ist ein bescheidener Mann geblieben, selbst jetzt, nach der Eröffnung seines menschenfreundlichen Instituts „Geölter Blitz. Bei einer weltweiten Meinungsumfrage ist auch ganz klar ersichtlich, wie beliebt das inzwischen 47-jährige menschliche Phänomen ist."

 

„Und das nicht ohne Grund! Mit seinem neu gegründeten Institut will Weathers also vor allem „Seinesgleichen" helfen …

- Entschuldigung … Ah! Wie Charlie und ich gerade erfahren, bietet die Kilkenny-Brauerei Weathers Institut finanzielle Unterstützung an! Was für Abendnachrichten, was für Neuigkeiten liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Bla bla.

 

 

1992

Blick - Schlagzeile Schweiz

Katastrophe! Blitz-Bill besuchte 1. August Feier und brachte Regenwetter und Explosionen!

 

 

 

1994

Moskauer Neueste Nachrichten

Gedenkt Lenin! Aus Roter Platz wurde blitzartig toter Platz.

KGB fahndet nach Staatsfeind Nr. 1 - Bill Weathers

 

P. Trovich.

Was mit einem perfekt organisierten Empfang begann, endete im Chaos. Den lang ersehnten Russlandbesuch des englischen Nobelpreisträgers Bill Weathers wird man wohl kaum je vergessen können. Zu tief sitzt der Schock in den Knochen unseres tapferen, gestraften russischen Volkes!

Nachdem der Kremlchef das „wissenschaftliche Wunder des Westens" mit einem prächtigen Staatsempfang ehrte, noch pompöser als der letzte für seine Heiligkeit, Papst Johannes Paul II., wurde der von allen erwartete Weathers zunächst zu Lenins Mausoleum begleitet - als aus heiterem Himmel ein wahres Pandämonium von Wolken unsere stolze Hauptstadt bedeckte und ebenso urplötzlich ein heftiger Platzregen niederzuprasseln begann.

Auf den unvorhergesehenen Wetterumschwung reagierte unsere Landesführung genauso überrascht wie die 8000 Schaulustigen, die sich auf dem Roten Platz versammelt hatten. Einzig der geladene Bill Weathers schien völlig unbeeindruckt. Indessen war die Heftigkeit des Niederschlags derart stark, dass bald alles nach einem Regenschirm trachtete. Das führte dazu, dass mehrere angrenzende Schirmgeschäfte bald völlig ausverkauft waren. Wie ein Verkäufer uns mitteilte, machte er innert 30 Minuten mehr Umsatz als in den ganzen 45 Jahren seiner Tätigkeit im Schirmgeschäft. Er dürfte denn auch einer der wenigen sein, die mit dem Besuch des Engländers ihr Glück gemacht haben.

 

Kommen wir der Reihe nach zum Unglück, liebe Genossinnen und Genossen!

Wie in zahlreichen westlichen Biographien beschrieben, wirkte Weathers schon zu Beginn seines Besuches sehr introvertiert. Laut einer glaubwürdigen Quelle soll er sich während des Fluges nach Moskau seinem Dolmetscher anvertraut haben. Es sei ein ungünstiger Augenblick für die Russlandvisite - so Weathers Worte - da sein letzter Alkoholentzug dadurch empfindlich unterbrochen worden sei. Er fürchte sich ein wenig vor der russischen Lebensart, weil er sich noch nicht wieder ganz im Griff habe …

 

Wie wenig Weathers seine vom Kapitalismus begünstigte Sucht überwunden hatte, zeigte sich allzu schnell. So entfaltete allein schon der am Flughafen als Zeichen der Freundschaft angebotene russische Wodka in Weathers eine wahrhaft unvorhergesehene diabolische Wirkung. Beim anschliessenden Besuch im Mausoleum brachte ihn der Anblick Lenins sofort ausser Rand und Band. Weathers glaubte tatsächlich, in dem Toten ein Mitglied seines Instituts „Geölter Blitz" wiederzuerkennen, namentlich einen Mann, nach dem in den USA seit Monaten gefahndet wird. Ab hier, liebe Genossinnen und Genossen, nahm das Unglück seinen schrecklichen Lauf. Weathers Aufregung begann immer mehr zuzunehmen. Auch nach den eindringlichsten geschichtlichen Erläuterungen des zur Aufklärung hinzugezogenen Historikers Radejew Dammals war der sichtlich verwirrte Weathers nicht von der Idee abzubringen, mit Lenins sterblicher Hülle seinen schlafenden, amerikanischen Freund vor sich zu haben. Im Raum herrschte grosse Aufregung ob dem besorgniserregenden Zustand des geachteten Besuchers, der, dicht am gläsernen und Luftdicht verschlossenen Sarkophag stehend - von plötzlichem Donnergrollen begleitet! - markerschütternd auf Lenins sterbliche Hülle einschrie, um vermutlich den vermeintlichen Freund auf diese Weise aufzuwecken!

Nachdem man bis dahin nur rat-, tat- und erfolglos auf Weathers eingeredet hatte, schritt sodann auf Geheiss des Kremlchefs die 5 Mann bewehrte Leibgarde Lenins zum Einsatz, um den in Aufregung geratenen und am Sarkophag rüttelnden Gast mit sanfter russischer Gewalt beizukommen. Weathers, zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr Herr seiner selbst, bewies Bärenkräfte. Ihm war nicht beizukommen!

Und da geschah das Unfassbare!

Urplötzlich wurde das Dach des Mausoleums durch eine ohrenbetäubende Serie von Blitzeinschlägen aufgesprengt! Als nächstes wurde der Glassarg des Bolschewisten von einem solchen Blitz getroffen und zerbarst mit lautem Knall!

 

Ein Tumult ungeahnten Ausmasses brach aus. Die wartende Menschenmasse ausserhalb des Mausoleums floh in Panik vom Roten Platz und zerstreute sich in alle Himmelsrichtungen. Dabei wurde vielen braven Genossinnen und Genossen der soeben erworbene Schirm mit Metallspitze zum Verhängnis.

 

Im Mausoleum und in unserem geliebten Kreml sollte das Schlimmste erst beginnen!

Wie der Leibgardist Alex Sergejewich dem Kreml-Sicherheitschef Grigorij Rasputin später fassungslos zu Protokoll gab, brachte er als erstes sogleich den Kremlchef aus der Gefahrenzone. Der Kremlchef war es auch, der ihm sodann den dringenden Befehl zur Ruhigstellung Weathers gab. Sergejewich kehrte zurück zum Mausoleum, um zu tun, wie ihm befohlen, doch da angekommen, stockte ihm zunächst der Atem:

Lenin selbst - oder vielmehr seine mumifizierte Leiche! - kam wie vom Tod erweckt zwischen Rauch und Blitzen hervor, auf Ihn zugezappelt!

Davon Zeuge geworden, verlor Alex Sergejewich nach eigenen Aussagen die Nerven, sodass er besinnungslos am Boden liegenblieb. Der Anblick des sich wild gebärdenden Lenin hatte ihn zu sehr erschrocken. - Ein Zeichen von Schwäche, das der Kremlchef seinem Leibgardisten inzwischen in einer öffentlichen Verlautbarung verziehen hat.

Aber was passierte weiter?

Als wichtigste Zeugin des furchtbaren Geschehens erwies sich Anna Gljetzerin, die Witwe des bedeuteten russischen Physikers Byrozin Gljetzerin.

Nachdem der Blitz den Sarg Lenins praktisch aufgesprengt hatte, waren die meisten Regierungsmitglieder im Inneren des Mausoleums wie angewurzelt stehengeblieben. Das Ende der Welt - Russlands Ende - schien gekommen.

Wie durch ein Wunder konzentrierten sich die herabsausenden Blitze aber einzig auf Bill Weathers und Lenins umherirrende Hülle. Weathers, der abwechselnd glühte wie ein Leuchtturm und das Tor der himmlischen Herrlichkeit, holte Lenin nach einer kurzen Verfolgungsjagt endlich ein und schüttelte laut Anna Gljetzerin die Hand des 1924 verstorbenen Bolschewisten, den er noch dazu Harry nannte!

Das gesehen, fielen rund um Anna Gljetzerin nicht wenige Regierungsvertreter in Ohnmacht.

 

Schreibtisch Aldo Betschart

Anna Gljetzerin, ein Bild weiblicher russischer Tapferkeit, hielt dem Überhand genommenen Gefühl der Angst jedoch vorbildlich stand. Auf das Höchste aufgeregt beobachtete sie weiter, wie die hergestellte Verbindung zwischen dem lebenden Weathers und dem wieder erweckten Lenin die Blitze sogleich bündelten, sodass man durch die extreme, nun entstehende Helligkeit zum Wegsehen gezwungen wurde.

Es waren ungefähr 10 Sekunden des Unwissens verstrichen, als das gleissende Licht merklich nachliess. Genossin Gljetzerin wagte sogleich einen Blick und erstarrte ebenso wie der nun heraneilende Alex Sergejewich.

Lenins sterbliche Hülle war offenbar durch Weathers erste Berührung mit sehr viel Elektrizität aufgeladen worden, denn jetzt rannte sie vernehmbar brüllend im Inneren des Mausoleums umher!

Und hier, Genossinnen und Genossen, kommen wir auch zur eigentlichen Tragödie dieses unfassbaren Vorfalls: Ein wieder zum Leben erweckter und gänzlich hergestellter Lenin! hätte Bill Weathers zu einem Volkshelden, ja zu einem Russen gemacht! Doch leider konnte das geniale Hirn des Bolschewistenführers nicht auf die gleiche Weise wiederbelebt werden, da es Lenin 1924 bei der Einbalsamierung entnommen wurde. Der wiedererwachte Lenin dachte also nicht im Traum daran, mit dem ziellosen Herumgerenne aufzuhören. Auch soll das schauderhafte Gebrüll des lebenden Leichnams äusserst furchterregend geklungen haben, sodass sich einzelne Regierungsmitglieder auf den Rat ihrer Leibwächter sogleich wieder Tot stellten.

- Da erschien noch einmal Bill Weathers auf der Bildfläche Anna Gljetzerins!

Der fassungslose und strenge Gesichtsausdruck des Engländers verriet Anna Gljetzerin die gewonnene Einsicht des fatalsten aller Irrtümer.

 

Noch immer glühend, mit einer dichten Rauchwolke im Rücken, stürmte Weathers Lenin ein letztes Mal hinterher, einem kraftstrotzenden Lenin, der jetzt selbst vor den meterdicken Wänden seiner eigenen Grabstätte keinerlei Respekt zeigte und so zum ersten Mal seit siebzig Jahren wieder ins Innere des Kremls gelangte. Doch die dubiose Hetzjagd war von kurzer Dauer: Weathers hatte inzwischen eine wahre Überdosis von Blitzen zu sich genommen und war klar schneller!

Eine kurze Berührung von Lenins Schulter reichte aus, um mit einer dadurch ausgelösten dumpfen Explosion jedes Atom, das einmal zu unserem hoch verehrten Bolschewistenführer gehört hatte, einzeln über den Jordan zu schicken!

Einen Augenblick später war auch Bill Weathers vom Erdboden verschwunden.

 

Liebe Genossinnen und Genossen. Ganz Russland ist von Trauer geschüttelt und gelähmt. Lenin ist uns unwiderruflich genommen worden, vom empirischen Kapitalisten Bill Weathers! Horcht in euch! Überdenkt eure Sympathie gegenüber dem westlichen Teufel! …

 

 

 

 

 

 

1998

Die Weltpresse verlautet:

Sommermonsun auf Ceylon!

Regenreichste Periode seit Menschengedenken

 

 

Bla bla bla …

 

(Bill Weathers war und bleibt wie vom Erdboden verschwunden).