Aldo Betschart  
 

Besessen vom Geist Friedl Martys

Die streckenweise biografische Kurzgeschichte erschien 2001 im Sedelbuch, (20 Jahre Sedel Luzern, 1981 - 2001)

Als ich am finsteren Abend des 30. September 1990 mit meinen Freunden das erste Mal vor dem Sedel stand, dachte ich bei der Betrachtung des ehemaligen Gefängnisses mit dumpfer Bestürzung an einen steinernen Satanas. Ein leiser Nieselregen untermauerte diesen Eindruck. Er beseelte die Gebäudefassade mit unheroischer Schwermut, deren Schweigsamkeit einem mit sofortiger Wirkung an den Nerven nagte.

Durch die offene Tür des Fronteingangs preschte ein heller Lichtkegel ins Freie, der sich trotz seiner Intensität mit viel Eleganz wenige Schritte vor uns in der Dunkelheit verlor. Das statische Pandämonium wurde durch die Sturzbachklänge einer unidentifizierten Punk-Kapelle vervollkommnet, die aus allen Ritzen des Sedels heulten. Ohne uns über diesen dämonischen Ort zu äussern, lasen wir dennoch beim Betreten des leuchtenden Schlundes untereinander den Gewissheitsanflug von den Augen ab, dass wir soeben eines der sieben Tore zur Hölle passierten. („the seven gates of hell" - VENOM)

 

Im Inneren die erste Treppe erklommen, nahmen uns Mitglieder der Flying Shrimps in Empfang. Ihr Auftreten - man möchte behaupten, ihre unbestreitbare Freundlichkeit uns Muotathaler Tölpeln gegenüber - hemmte unser Misstrauen, und es erstarb sogleich völlig, als wir dank ihrer Freigiebigkeit alsbald an den ersten Luzerner Bieren nuckelten.

(„a place called home" - PJ HARVEY)

 

Einen kräftigen Schluck konnten wir alle gut gebrauchen, da unser Chauffeur, Wysel, durch das Nichtbeherrschen des Kleinbusses der Schelbert AG Hinterhal, in der engen Kurve unterhalb des Sedels beinahe einen fatalen Frontalzusammenstoss verursacht hätte. Während er mit stoischer Gelassenheit im letzten Augenblick auf die rechte Fahrbahn zurückgequietscht war, hatten sich Roger und Iwan, vorne sitzend, geschworen, im Falle des heilen Davonkommens zukünftig das Wechseln des Radiosenders nicht mehr dem Fahrer zu überlassen - selbst wenn ihnen die Ödnis von DRS3 tatsächlich den Atem lähmte. Ale und ich waren hingegen hinten drin kräftig durchgeschüttelt worden. Mit vom Verwaint-Equipment gepiesackten Hintern hatten wir uns gerade über Alexanders vergangenen Alpsommer und Slayers Geniestreich „South Of Heaven" unterhalten.

 

Nun sassen wir also, noch einmal heil davongekommen, in den unheilvollen Mauern des Sedels! Es war schon pervers - trotz miserabelster Schwingungen auf der Frequenz 666 (der Mensch nimmt diese nur durch Kopfweh wahr) fühlten wir uns mit den Shrimps so wohl wie eine Bachforelle in der Muota. Mit der herrlichen Gnade des köstlich gebrauten Nasses ausgestattet, schlenderten wir jetzt alle in den noch leeren Konzertsaal. Mit pochenden Herzen überblickten meine Freunde und ich die Räumlichkeit. Rechts gleich das Buffet, sehr erfreulich. Linker Hand ein Tisch, worauf wir unser Demo feilbieten würden, wenn's nur jemanden interessierte. Direkt davor prangte die Schaltzentrale musikalischen Terrors: Das Refugium von Quälgeist Markus Stocker, wie ich noch erfahren sollte. Mit seinen 24 Spuren vermittelte das Mischpult eine luxuriös daherkommende Idee vom bevorstehenden Verwaint-Krach. Blickfang aber war zweifellos die Bühne, oder besser gesagt: die massive Säule in der Mitte. Ich stellte mir sogleich vor, wie ich beim Headbanging mit dem Kopf in sie reindonnere. Iwan schien meine Gedanken zu lesen. Er sah zu mir herüber und meinte keck: „Wir werden uns heute Abend den Schädel einschlagen. („bang that head that doesn't bang" - R. BURCH)

 

Nachdem wir unsere Instrumente und Verstärker durch das Höllentor in den Konzertsaal geschleppt hatten, erholten wir uns im wohligen, farbenprächtigen Proberaum der Shrimps. Die Frequenz 666 plagte uns nun schon weniger. Als der Rauch des THC-haltigen Shits etliche Lungen zum kopulierenden Tanz bat, unternahm ich als Nichtraucher und lediglicher Shit-Esser einen kleinen Rundgang. Mit der gespannten Neugier eines Neuzeitarchäologen erklomm ich weitere Treppen, bis ich im dunklen oberen Trakt anlangte. Von unten drang abgeschwächt und stark verhallt Musik mit Stimmengewirr herauf. Die verlassene Etage wirkte unheimlich. Mit der klammen Aura vergangener Jahrzehnte belegt, glaubte ich die ehemaligen Insassen aus ihren Zellen treten zu sehen, zum Essensantritt möglicherweise. Mich in dem gespenstischen Gefühl jener Nostalgik suhlend, spazierte ich langsam Zelle für Zelle ab. Wo ein offenes Kontrollfensterchen an der Tür es erlaubte, spähte ich hinein, konnte aber leider im bodenlosen Dunkel ausser einem schwachen metallischen Widerschein nichts erkennen. Etwas enttäuscht befand ich mich nach wenigen Minuten schon fast am Ende des langen Flurs, als aus der zweitletzten Zelle ein leises Stöhnen von jenseitiger Herkunft drang, welches, mit seiner paranormalen Qualität, mein Trommelfell wie mit feinen Eisensplittern durchsiebte.

 

Ein unsäglicher Alarm des Horrors bemächtigte sich meiner. Um mich in meiner Furcht eines Besseren zu belehren, trat ich mit rasendem Herzen zur Tür heran und spähte durch das offene Guckfenster ins Zelleninnere. Obwohl man im tiefen Schwarz unmöglich etwas ausmachen konnte, wusste ich doch, dass sich so etwas wie der unglücklich gestrandete Klabautermann in der Zelle befand, weil ich ihn atmen hörte - atmen wie ein wildes Tier. Ich hörte ein Polster nachgeben, das Schlurfen zweier Füsse auf dem glatten Zellenboden, und dann erschien in der Dunkelheit eine Gestalt vor mir, deren grauenvoller Ausdruck tiefster Niedergeschlagenheit mein Herz beinahe zerspringen liess. („I wanna be dead or alive" - Despu Palliton)

 

Ich stand vor dem ruhelosen Geist Friedl Martys, des Würgers von der Murbacherstrasse! (Siehe Mordfall Friedl Marty, Kripo Luzern 1953)

 

Als ich mich danach wieder zu den anderen gesellte, war er in mir. Er war in mir, als die ganze Truppe: die Flying Shrimps, die Berner Monsters, die Veranstalter Big Hor und wir Muotathaler Tölpel gemeinsam im Helvetia speisten, ich aber wie ein ausgehungerter Löwe frass. Er war in mir, als wir mit Verwaint auf der Bühne standen und ich unser erstes Lied ansagte, was Friedl weit weniger gefiel als das Fressen vorher, da das erste Lied seiner neu erlangten Freiheit beschrieb, wie einer lebendig begraben wurde. („Suspendet Animation" - Tölpels of Muotathal, VERWAINT)

Friedl lebte in mir auf. Der Auftritt und die damit verbundene Adrenalin-Ausschüttung machten mich zu seinem Liebling, dessen Bund der Besessenheit er nach dem Konzert durch den fröhlichen Konsum alkoholischer Getränke frenetisch feierte. Als wir nach einer langen Nacht den Sedel mit einem angenehmen Ohrenpfeifen verliessen, fuhr er als Geste der Dankbarkeit aus mir heraus, mit dem Versprechen, nur bei meinem Erscheinen im Sedel wieder von mir Besitz zu ergreifen. Wuschhh! - Wie eine Kanonenkugel schoss er den Gang hinauf zu seiner Zelle. Gutmütiger Tölpel der ich war, hatte ich dem Deal zugestimmt.

 

Während der darauf folgenden Besuche im Sedel tobte Friedl sich aus. Gelang mir manchmal das Kunststück, ihn über längere Strecken von der Bar fernzuhalten, verhielt Friedl sich ausgesprochen galant, (was er mir mit weniger Dominanz seinerseits vergütete). Soff ich jedoch den Guinness-Rekord in Grund und Boden, gab Friedl noch eins drauf und verfügte über mich, wie es ihm gerade gefiel. Obwohl ich mich, in den Muotathaler Gefilden angekommen, oft an nichts mehr erinnerte, hegte ich keinen Grund zur Besorgnis: Solange ich im Sedel niemanden erwürgt hatte, waren mir die Gedächtnislücken ziemlich einerlei.

 

Über die Jahre wurde dieser Akt der Sedel'schen Besessenheit zum Mausoleum meines ganz persönlichen Wahnsinns, und ich glaubte mich nach wie vor als einziger in seinem Besitz. Da kam die Wahrheit in Form einer Pille. Boing! - Der Groschen fiel. Mir gingen buchstäblich die Augen auf, so als ob Friedl Marty mir seine Zellengenossen vorgestellt hätte. Sie alle umgaben mich: der besessene Pal, der besessene Schärer, der besessene Hösli und die besessenen Möped Lads. Verdammt und zugenäht, auch die Jungs von Yukon waren offensichtlich unter den dämonischen Hammer gekommen, sowie - haha, man höre und staune - der von jeher spinnende Kerl im Tarnanzug. Zu meinem freudigen Erstaunen zeigte sich die Besessenheit auch in manchen Frauen, die natürlich alle seit geraumer Zeit zum Kreis der Familie gehörten. Die Erkenntnis traf mich wie ein herniedersausender Blitz bei schönstem Wetter. Was uns die Geister der ehemaligen Gefängnisinsassen in den Nächten ausgelassenen Feierns eingaben, erstarb auch ausserhalb nicht. Gelobt sei, wer sich nicht am Unbegreiflichen stört. („hell ain't a bad place to be" - AC/DC)

 

 

Wie mag es sich in der Zwischenzeit verhalten? Mein letzter Sedel-Besuch ist schon eine ganze Weile her. Friedl Marty wird, sofern er mir die Treue gehalten hat, sicher schon mit einiger Ungeduld auf mich warten. Wenn nicht, so verzeihe ich allfällige Seitensprünge mit dem zugedrückten Auge der Nachsicht. Es täte schliesslich so mancher Person wohl, in den Genuss der Besessenheitserfahrung zu kommen. Weg vom blödsinnigen Yuppie-Gelaber um Geld, Ansehen oder eine Erfolgsleiter, deren Sprossen vorher durchaus im Dickdarm gärten. Es täte vielen gut, loszulassen, zu schreien und umherzustampfen - da oben im Haus des Satanas, inmitten lauter Gitarrenklänge, im furiosen Schlund der tosenden WC-Spülung, aufgeweicht und ausgespuckt durch das siebente Tor zur Hölle.

Liebe deine Dämonen, denn erst wer unten war, wird S-edel.

 

In diesem Sinne: („GO TO HELL" - Nashville Pussy)