Aldo Betschart  
 

Unerträglicher 'Lifestyle'

Allein der Begriff klingt schon wie eine Krankheit: Lifestyle. »Hilfe! Mich quält der Lifestyle!«

Woher er kommt ist schwer zu sagen. Vielleicht aus Mesopotamien? oder Babylon? Vermutlich aus dem Lateinischen.

Vermutlich heißt es: Vorsicht Steinschlag.

Wo ich damit angefangen habe, muss es jetzt raus. Was ich nun schreibe, wird mir eine Wohltat, nein ein Fest sein, denn ich wollte es schon lange einmal loswerden: Ich finde das ewige Gerede vom Lifestyle unsäglich nervig und verlogen! Kein Magazin, wo einem nicht auf jeder zweiten Seite im Namen des Lifestyle irgendein Schund eingeredet und angedreht wird. Kein Schalten durchs Fernsehprogramm, wo einem nicht irgendwelche Leute den Lebensstil neu beibringen wollen. »Gehen Sie entspannt durchs Leben!«, wird einem da etwa angeraten, während man gleichzeitig alle fünf Minuten ins Fitness-Studio rennen und einer neuen Modewelle hinterherjagen müsste, um als zeitgemäß, chic und ‘up to date’ zu gelten. Wer auf dem Heimweg nicht gleich noch eine Patronen-Kaffeemaschine von Néspresso kauft, ist sowieso ein Ewiggestriger.

Der viel gepredigte Lifestyle des frühen 21. Jahrhunderts ist dermaßen vom Modewahn geprägt, dass es nur noch bizarr ist. Um mit einem gesund wirkenden, gut aussehenden Äußeren unseren Platz in der Gesellschaft behaupten zu können, jagen wir einem Ideal nach, das aus Profitgier erst entstanden ist! Was das Ideal angeht, ist die Mode-, Film- und Musikindustrie das Alphatier der ganzen Bewegung. Diese drei Industrie-Giganten liefern der normalen Gesellschaft erst das Projektionsbild des strahlenden Übermenschen, dem sie nacheifern kann. Wie viel Geld geben wir allein dafür aus, um mit einem ästhetischen Erscheinungsbild - etwa dem aus dem Modeheft - konkurrieren zu können? Wie viel teurer Diätquatsch wird verkauft, um unter dem Vorwand der Hilfestellung den Übergewichtigen das Geld aus der Tasche zu ziehen? Was tun sich gewisse Normalbürger und mehr oder weniger Prominente nicht alles an, um ihrem Schönheitsideal näher zu kommen, dem Jugendwahn zu folgen?
All diese Oberflächlichkeit wird unter dem Decknamen Lifestyle gepredigt und vom manipulierten Konsumenten mit barer Münze gekauft und bezahlt. Und was glauben Sie, was das für ein Geschäft ist!

Es geht immer nur ums Geld! Um Geld zu machen, wird uns eine Scheinwelt veranschaulicht, die uns möglichst selbst zu Märchenfiguren machen soll. Beim praktizierenden Gesundheitswesen (namentlich: die Ärzte) redet man uns heutzutage gerne ein, dass wir aufgrund der verbesserten Lebensumstände mindestens hundert Jahre alt werden müssen. Spürt dann ein Siebzigjähriger mal den Rheumatismus und geht zum Arzt, wird er sogleich mit einem Korbvoll Medikamente eingedeckt. Wenn er Pech hat, ist er dabei noch an einen Arzt geraten, der ihm von der Seltenheit seines Leidens erzählt, denn schließlich ist Rheuma in der heutigen Gesellschaft ein Ding geworden, das, wenn überhaupt, nur noch ab dem neunundneunzigsten Altersjahr in Erscheinung treten dürfte. Also geht ‘der Sterbende’ mit seinem Korbvoll Medikamente nach Hause, um sich ganz allmählich an die chemische Vor- und Nachspeise zu gewöhnen, will er doch die lumpigen dreißig Jährchen, die er allenfalls noch hat, nicht ganz ohne Thaiboxen durchbringen.

Der Arme sieht ja nicht, wie sich der Arzt und die Pharma-Industrie währenddessen hinter seinem Rücken die Hände reiben!

Übrigens vertritt man bei der obligatorischen Krankenversicherung dieselbe gönnerhafte Ansicht wie bei der Ärztekammer (einhundert Jahre Lebensfrist!), nur hegt man bei der Krankenversicherung darüber hinaus noch den viel größeren, geheimen Wunsch, dass, wer vorher den Löffel abgibt, gefälligst gesund ins Gras beißt! - Die Ehrlichkeit, mit der man uns jedwede Krankheit missgönnt, ist schon fast wieder rührend!

Ich bin sicher, dass der Grossteil der Betreffenden diesem Wunsch nur allzu gerne nachkäme.

Bevor ich aufhöre, möchte ich aber auch noch den humoristischen Aspekt unseres Strebens nach den neuesten Trends aufzeigen. (Trend! Auch so ein unsägliches Wort!):

Vor ein paar wenigen Jahren hatte ich das große Vergnügen, das Aufkommen eines neuen Schuhtrends zu beobachten. Dabei handelte es sich um diese irrsinnig spitzen Schuhe, die von der Ferse bis zur Spitze mindestens die doppelte Fußgrösse des Trägers maßen, damit man überhaupt hineinpasste. Ich lief wohl gerade am Zürcher Limmatquai entlang, als ich zum ersten Mal eine Frau mit diesem Mordwerkzeug, diesen Spießen an den Füßen, daherkommen sah.

»Nanu, was war denn das?«, fragte ich mich, und stand noch einen langen Moment ganz verdattert still. »Eine Künstlerin«, schätzte ich, und fand ihren Mut dann doch bemerkenswert.

Nun war ich bestimmt noch keine einhundert Meter weitergegangen, als mir wieder eine junge Dame mit so gestalteten Schuhen entgegenkam! Und von da an hörte es nicht mehr auf. Nach cirka einer Woche fühlten sich dann auch die ersten Herren selbstbewusst genug, es mit den langen Gnomenschuhen zu versuchen. Dafür werde ich ihnen ewig dankbar sein, denn so gelacht habe ich seit damals nie wieder. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sie noch ein halbes Jahr vorher lieber gestorben wären, als sich einen derart lächerlichen Schuh anzutun. Der Espetada-Schuh - wie ich ihn in Anlehnung an den portugiesischen Eisenspieß nenne - ist mir bis heute das erheiterndste Massenphänomen eines lachhaften Modetrends geblieben.

Liebe Zeit, was tut der Mensch nicht alles, um einen Großteil seines Einkommens in den Geldsäckel von Geschmacksverirrten zu stecken!

 

(Aus dem Roman "Grüsse aus dem Schwalbennest!")  A.B. Juli 2008