Aldo Betschart  
 

Hündchen Moby Dick

Ich wohnte einmal in einem städtischen Haus, das an einen Kinder-Spielplatz angrenzte. Da war es nur normal, dass ich mich beim Herannahen des Frühlings langsam aber sicher auf eine neu dazukommende Geräuschkulisse vorbereiten musste. Die Mütter kamen mit ihren Kindern herbei, und nahmen die gegebene Infrastruktur nach den Wintermonaten gerne wieder in Anspruch.

So gewöhnte ich mich mit dem Fortschreiten des Frühlings daran, dass die Kinder gebracht wurden, an den verschiedenen Spielgeräten herumturnten, und sich, nicht selten rufend und schreiend, fröhlich damit vergnügten. Da stand eine Schaukel, eine Rutsche, ja auch ein Sandkasten fehlte nicht, um den Sprösslingen einen guten Zeitvertreib zu gewährleisten.

- Es wurde nicht selten sehr laut.

Wenn etwa eines der Kinder drüben auf der Rutsche stand, im Begriff, die Bahn hinunterzujagen, geschah es häufig, dass es bei der Aktion gesehen und bewundert werden wollte. Die Mütter waren einen Moment unaufmerksam gewesen! Also mussten die Kleinen sie mit viel Krach auf die Wichtigkeit des nahenden Rutsches hinweisen. Dies bewerkstelligten sie ganz hervorragend, indem sie einfach am oberen Start der Bahn auf der Stelle hüpften, womit sich durch das so getretene Metallblech der Rutsche ein Heidenkrach entfaltete. Wenn das jeweils der Fall war, und ich meinen Nerven etwas Schonfrist geben wollte, dann schloss ich immer das Fenster, das nach jener Seite ging, um noch zu murmeln, dass es doch schließlich nur Kinderchen seien - unschuldige Kinderchen - denen man deshalb nicht gleich den Hals umdrehen müsse.

Geräusche wie dieses gab es so einige! In meinem ersten Jahr trug sich deshalb dieser nun folgende Irrtum zu, den man unter anderen Umständen fast als erheiternd bezeichnen könnte:

Ich befand mich in meinem neu bezogenen Zuhause und ging wohl wie immer äußerst wichtigen Studien nach, als sich, aus der Kakofonie der mich umgebenden Geräuschkulisse, plötzlich ein Geräusch ganz penetrant hervorzuheben begann. Selbiges stach mir ins Gehör, denn es war nicht weniger misstönend und giftig, als wenn sich draußen ein rostiger Vogel sein Lied ‘vom ungeölten Rädchen’ geleistet hätte. Es klang noch viel schlimmer, etwa so, als ob Wellblech an Wellblech rieb, und das unablässig, in mehr oder weniger kurzen Pausen und Abständen.

Es war ein Geräusch, das sich aus allem heraushob und doch in allem badete.

Wo kam es her, fragte ich mich, und war schon zum Fenster gelaufen, von wo ich zum Spielplatz hinübersehen konnte. Dieses Geräusch, so neu es mir erst war, hatte etwas Treffsicheres und Nagendes an sich. Ich hatte es kaum zehnmal in Folge gehört, aber dennoch bereits für ein ganzes Leben genug davon.

Nun blickte ich angestrengt zum Spielplatz hinüber. Ich sah zur Schaukel, zur Rutsche, und gar zum Sandkasten hin, doch das Geräusch konnte unmöglich von dort herrühren.

»Wo kommt es her?«, dachte ich verzweifelt, »Wo ist seine Ursache?«, und nahm schon die Schuhe, um der Sache im Freien nachzugehen. Die Klinke war noch nicht betätigt, als es wie aus heiterem Himmel auf einmal aufhörte. - Im Nachhinein betrachtet, war das der Beginn der Feindschaft gewesen, die ich für das Vieh meines gegenüberwohnenden, neuen Nachbarn empfand.

Ich erinnere mich an meine maßlose Verblüffung, als ich das unsägliche Stakkato-Gekratze eines Abends als das Kläffen eines Hündchens erkannte! Und noch größer war mein Grauen, als ich den besagten Kläffer erst einige Wochen später zum ersten Mal mit seiner ganzen Hässlichkeit vor mir sah. Eine Weißwurst auf vier abgesägten Beinen war er; ein nicht näher zu benennendes, fleischiges Stück Ärgernis, das noch dazu mit einer ausgeprägten langen Narbe auf der einen Seite umherschwänzelte, als ob es ‘Moby Dick’ mimen wollte! So wahr ich dies schreibe: Als ich die Narbe an dem missratenen Kläffer sah, überkam mich tiefe Schadenfreude. Ohne Frage war das Ärgernis von einem mit allen guten Sinnen und Instinkten ausgestatteten, großen Hund angefallen worden, der es für nichts als eine Wurst gehalten haben musste, genauso sehr wie Mutter Natur und ich. Wie inbrünstig wünschte und hoffte ich, dass der Besitzer dieses Ärgernisses beim Hinzueilen mindestens noch so toll gebissen worden war! Eine solche Bisswunde auch am Herrchen zu vermuten, bereitet mir heute noch dasselbe Vergnügen, dieselbe sadistische Freude wie damals.

Sein Kläffer ist ein Kläffer, da kann der Kläffer nichts dafür. Aber sein Halter, der mir durch sein erzieherisches Unvermögen einen solchen Störenfried zumutet, der kann was dafür. Jetzt sagt das niemand außer mir, aber wenn dereinst die letzten Posaunen geblasen werden, dann werde ich mit meiner Meinung nicht länger alleine dastehen.

Habt ihr gehört, ihr Halter von kläffendem Getier! Wehe! Der Tag der Abrechnung wird kommen.

 

(Aus dem Roman "Grüsse aus dem Schwalbennest!")  A.B. Juli 2008