Aldo Betschart  
 

Höllenglocken

Aber kommen wir zu Caniços Dorfkirche, die direkt vor mir ihren Schatten nach dem Platz hinwarf. Was ihre Bauart angeht, so unterscheidet die Pfarrkirche von Caniço sich nur unwesentlich von den Kirchen meiner Heimat, steht da doch zunächst einmal das eigentliche Bethaus, und links daneben der angebaute, alles überragende Glockenturm, der eben jenes gegossene Metall beherbergt, das einzig und allein dazu gut ist, uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Nerven zu gehen. Was ich mich allein in der Stadt Zürich schon über die Glocken aufgeregt habe, spottet jeder Beschreibung! Soll mir einmal jemand sagen, welchem Zweck ein zur Messe rufendes Glockengeläut dient, das nach einer Viertelstunde anhaltenden Dröhnens kaum mehr bewirkt hat, als alles um sich herum in die Flucht zu schlagen. Heiliger Bimbam! Ein Glockengeläut hat höchstens dann einen Nutzen, wenn es uns mit seinen Schlägen die Uhrzeit angibt; alles andere ist einfach nur aufdringlich und ärgerlich, ja eine unverschämte Ruhestörung, und noch dazu ein Ding, das an Freiheitsberaubung grenzt. Denn es wird nicht länger gesprochen oder zugehört, wenn die offenbar stocktauben Obrigkeiten von Kirche und Staat das sowieso schon zu lange und häufige Glockengeläut der verschiedenen Kirchen und Konfessionen noch gleichzeitig miteinander wetteifern lassen, wie es eben z.B. in der Stadt Zürich der Fall ist.

In all den vielen hundert Stunden, in denen die sogenannte heilige Kirche in meiner jeweiligen Nachbarschaft für sich geworben hat - mich also mit ihrem Glockengedröhne auch (oder gerade!) am wohlverdienten Wochenende schon frühmorgens aufweckte, meinen heiligen Schlaf störte, meine Nerven bereits im Bett traktierte und quälte -, habe ich die Verantwortlichen dieses ganz und gar sinnlos überspannten Zeremoniells der Glockenmusik wohl inbrünstiger in den lärmigen Kirchturm gewünscht, als es dem Ohr der Kirche - dem tauben Ohr der Kirche! - lieb ist.

Und was, wenn ich einmal Kinder habe?

Was sagt man seinen Kindern, wenn sie erst einmal das verständige Alter erreicht haben, wo sie sich, zitternd vor all dem Lärm, auf den Mutterrock stürzen und ausweinen? Nach zehn Tagen hat auch das langsamste Kind den Glauben an eine tägliche Märchenheirat, eine allabendliche Königskrönung verloren. Aber man muss sie anlügen, man wird förmlich genötigt dazu! - weil selbst ein Kind nicht glauben wird, dass man für nichts und wieder nichts täglich einen solch flächendeckenden Heidenkrach veranstaltet!

Die Kirche sollte sich auf ihre Ursprünglichkeit rückbesinnen! Ich sage ja immer, man sollte das Läuten von Hand wieder einführen und die ‘tauben’ Befehlshaber ans Glockenseil befehlen. Ich denke, dann würde sich die Anzahl der Schläge ganz schnell einmal auf ein erträgliches Maß reduzieren.

 

(Aus dem Roman "Grüsse aus dem Schwalbennest!")  A.B. Juli 2008