Aldo Betschart  
 

Die Starbucks-Seuche

Es gibt wohl kaum etwas Widerlicheres, als wenn sich Großkonzerne in altehrwürdige Städte einkaufen und einnisten. Haben sie sich einmal eingenistet, muss man sich an den betroffenen Orten nach und nach auf eine kulturelle Verarmung gefasst machen. Eine Umfassende. Diese Geschäfte haben die Eigenschaft, sich in beängstigendem Tempo überallhin auszubreiten, ohne einen Funken Anstand oder Respekt vor dem seit alters her herrschenden Stadtbild. Den finanziell bedingten Auszug des Vorgängers nutzen sie gezielt und schamlos aus. Sie sind eine Seuche und eine Pest. Sie sind der Verdränger und der Tod für so manchen Kleinunternehmer. Sie sind seelenlose Milliarden-Imperien. Sie sind der Antichrist einer fairen und gesunden Marktwirtschaft.

In den paar Jährchen, die ich jetzt in Zürich lebe, ist mir diesbezüglich eine Seuche ganz besonders aufgefallen:

Die ‘Starbucks’-Seuche.

Zwanzig Jahre hatten wir Zeit, uns in den Städten an das ‘WiePilze-aus-dem-Boden-Schiessen’ der McDonald’s Fastfood-Kette zu gewöhnen. Wir haben uns allmählich daran gewöhnt. Doch nun, liebe Brüder und Schwestern, hat ein neuer Satan unter uns Einkehr gehalten: der amerikanische ‘Starbucks’-Gigant. Starbucks hatte unsere schönen Städte schon mit seinen designten Kaffeestuben verunreinigt, noch bevor wir recht Notiz von ihnen nahmen. Sie hielten Einzug wie ein Furunkel, den man zwar eines Tages plötzlich entdeckt und auch wachsen sieht, der aber nicht schmerzt oder noch nicht zu schmerzen begonnen hat.

- Inzwischen schmerzt der Furunkel. Umso mehr, weil er immer noch wächst und wächst.

Im Zürcher Niederdorf, beispielsweise, sind es momentan zwei Furunkeln. An ihnen vorbeizugehen, also ihre Außenfassaden zu passieren, ist mir äußerst unangenehm, aber leider bleibt mir wegen meines nahe liegenden Arbeitsplatzes oft keine Wahl. Sie zu passieren, bereitet mir ordentlichen Stress. Stets habe ich das Gefühl, dass im nächsten Moment jemand - mit dem typischen Pappbecher in der Hand - dahinaus auf mich zustürzt, um mit einem willkürlich erzeugten Kaffeeregen einige Millionen Franken Schadenersatz aus mir herauszupressen. Man mag darüber lachen, aber das muss ich doch annehmen, wenn sich jemand dem Starbucks-Gebräu verschrieben hat!

Die amerikanischen Kaffee-Furunkeln sind eine Seuche, und in ihrer Wirkung nicht minder verheerend und tödlich, als es die Pest in früheren Jahrhunderten gewesen ist. Davon lasse ich mich nicht abbringen. Wie vielen kleinen Geschäften mag sie schon das Genick gebrochen haben, diese Seuche, weil sie von einem Kapital zehrt, dem buchstäblich kein Boden- und Mietpreis etwas anhaben kann? Müssen wir es einfach hinnehmen, dass sie sich überall breitmacht, oder freuen wir uns gar darüber?

Wenn man von der nutzlosen Notlösung des Feuerlegens absieht, die der gut versicherten Seuche nur noch mehr Geld einbringt, muss Ersteres leider bejaht werden, ebenso wie Letzteres, das leider auch allzu oft der Fall ist.

Wäre ich ein Revolutionsführer, so würde ich an dieser Stelle allen Menschen dringend abraten, künftig einen Fuß etwa in einen ‘Starbucks’ Kaffee-Ausschank zu setzen. Da ich es aber nicht bin, soll von mir aus jeder seinen Genüssen nach freiem Willen nachgehen. Ich selbst werde mich weiterhin unbedingt mit einem vorsichtig begangenen Bogen davon fernhalten. Ich kann nichts dafür, dass ich von der Natur einen so verlässlichen Seismographen mitbekommen habe. Was die Welt nachhaltig erschüttert, spüre ich durch ihn, wie Nostradamus im 16. Jahrhundert den Zweiten Weltkrieg vorausgesehen haben mag. Darum erschreckt es mich aus einleuchtenden Gründen, solche Finanz-Imperien als überhandnehmenden Teil unserer Gastro-Wirtschaft wahrzunehmen. Darüber hinaus fühle ich als kleiner Schweizer mit dem kleinen Schweizer Unternehmergeist. Ich bin noch genug Patriot, um meinen Kaffee möglichst beim nächstgültigen Einheimischen zu trinken. Den verstehe ich dann trefflich, auch wenn er sich nicht selten wegen mangelnder Kenntnisse der Landessprache mit Händen und Füßen verständigen muss, wenn er mir über die steigenden Mietkosten seines kleinen Geschäfts vorjammert.

Soweit ich bis jetzt sagen kann, ist Madeira weitgehend furunkelfrei. Funchal macht einen überraschend seuchenfreien Eindruck. Im Madeira Shopping Center wird die Seuche nachweislich von ‘McDonald’s’ und ‘Pizza Hut’ vertreten. Das verheißt nichts Gutes, ist aber tolerierbar, solange die Furunkeln sich nicht zum Stadtkern ausbreiten. Doch die Pest hat noch jeden Winkel gefunden. Früher oder später wird sie sich zu den Gassen vorarbeiten. Sie wird sich einnisten, im Gemäuer ausbreiten und den Stein höhlen. Sie wird in seinen Ritzen atmen. Wo es lukrativ ist, wird sie auf Madeira ihre Menschenopfer finden. Funchals Gassen werden rasend schnell erobert sein. Im Namen des Geldes, der Gier und der Globalisierung.

Dafür haben die Madeirenser jetzt schon mein Beileid.

 

(Aus dem Roman "Grüsse aus dem Schwalbennest!")  A.B. Juli 2008